| Kompetenzteam ... für schöne und für schlimme Wörter |
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mäandern (Das Web nach mäandern durchsuchen.) tinto, 16. April 2003 um 11:25:47 MESZ
Ich glaube, dass Mäandern eher in den Bereich der schwarz gefärbten Worte gehört, da es im Einklang mit Erodieren und Verwittern steht, nur dass eine sichtbarere Kraft dahinter steht. Mäandern wird so oft falsch gedacht. Wenn du die Literatur durchwühlst, wirst du bestimmt auf mäandernde Straßen und mäandernde Grenzen (chin. Mauer stoßen), dabei sind das Beschreibungen von Statischem. Mäandern ist aber eine Aktion. Ein zeitlicher Hintenausfluss von Aktion. Flüsse mäandern sich durch die Landschaft, auf der Suche nach dem geringsten Widerstand, Gedanken ebenso durchs Gehirn. Mäandern ist Salamandern.
luxus ox,
17. April 2003 um 01:32:01 MESZ
na, sag ich doch: das Wort ist schön!
tinto,
17. April 2003 um 01:50:01 MESZ
Neeneenee, das Wort ist nur vom Klang schön, aber es unterwandert den Sinn anderer Wörter wie ein verschwitzter Busfahrer, der denkt, von Brause - ich sag mal Limo - werden die Schweißflecken an seinem Hemd mindestens für Bäuerinnen unsichtbar. Es ist ein unsichtbarer Fliegenfürst, der uns den Klang vor den Sinn stellt. Es ist die Melodie, die den Wörtern manchmal kollateralschadet.
luxus ox,
17. April 2003 um 02:11:14 MESZ
manchmal stelle ich hier rosa wörter vor, gerade weil sie unterwandern und treffend und ausdrucksstark zweckentfremdet werden. etwas statisches sprachlich mithilfe einer metapher zu dynamisieren u.ä. und damit mit dem ursprungssinn des wortes zu brechen, ist wahrlich nichts neues bzw. verabscheuungswürdiges; und ich würde, selbst wenn die metapher bzw. die wortbenutzung unstimmig ist, nicht sagen, dass »falsch gedacht« wurde (wer wäre ich, wenn ich darüber urteilen würde...). wieso ist das sozialprestige von busfahrern eigentlich derart niedrig? und wieso sind gerade bäuerinnen nicht feinsinnig genug, diese plumpheit zu durchschauen? - oder glauben nur busfahrer an dieses klischee?
molily,
17. April 2003 um 12:05:25 MESZ
Oha, Neutrinos der Freude durchströmen mich angesichts deiner Fragen, denn du sprichst genau an, was ich meine. Freilich sind solche Sinnverschiebungen für die Lebendigkeit der Sprache vonnöten, allerdings geht das bei dem Wort Mäandern in eine Richtung, die ich für unpassend halte (und ich schrieb und dachte nicht "verabscheuungswürdig", da eine derartige Emotionalisierung beim Austausch über ein Wort wohl leicht snobistisch abatmen würde, nicht wahr?) Ich merkte vielleicht etwas zu undeutlich an, oh, wie ich sehe, blieb dieser Gedanke meinen Fingern gar vollständig fremd, dass Mäandern meiner Meinung nach zu inflationär das Wort Schlängeln ersetzt, welches erstens eine weitaus stärkere Dynamik besitzt und zweitens der allgemeinen Sprache näher ist. Das Wort Mäandern für eine sich durchs Tal ziehende kurvige Straße zu benutzen, f i n d e ich falsch (das Finde ist breit, dass du nicht vielleicht der fixen Idee erliegst, ich würde meinen, meine Meinung entspricht einer objektiven Sicht), falsch, da die Dynamik des Wortes Mäandern einfach nicht zu einer Straße passt, mal vom Klang abgesehen, der mir auch nicht gefällt (wiederum eben nur m i r). In welchen Fällen gäbe man einer Straße denn überhaupt Dynamik? Doch nur, wenn man seinen Blick von oben die Straße entlang beschreiben oder auf ihre im Gegensatz zur "ewigen" Natur des Tales nicht passende Kurzexistenz aufmerksam machen will, tralala. Die Metapher mit dem Busfahrer ist fast rein bildlich. Die größten Schweißflecken haben nun mal Fahrer von Landbussen an ihren Hemden. Und Landbusse transportieren häufig Bäuerinnen. Bäuerinnen arbeiten Tag für Tag im eigenen Schweiß, deshalb werden sie kleinere Abstufungen dieses ehrlichen Saftes einfach aus Gewöhnung nicht so leicht erkennen. Das ist übrigens keine Bewertung und schon gar kein Urteil. Und auf keinen Fall ist da eine steinzeitliche soziale Einordnung. Ich wundere mich, wo die zu lesen sein soll? Ach ja, ich liebe Dich.
luxus ox,
17. April 2003 um 12:39:16 MESZ
»verabscheuungswürdig« war natürlich bewusst übertrieben, aber nicht extrem und schon gar nicht emotionsbeladen gemeint, sondern eher als synonym für »schlimm« (schwarze worte, die es verdienen, hier dem pranger samt wütendem mob preisgegeben zu werden). mir würde »mäandern« zur bezeichnung einer sich windenden straße auch missfallen bzw. wie gesagt unstimmig vorkommen, zumal der vergleich mit einer schlange in »schlängeln« m.E. genug hergibt. aber da ich mit dem wort noch nicht auf diese weise in berührung gekommen bin, halte ich einen solchen eventuellen missbrauch nicht für »schlimm«. vielleicht eher für anödend, aber mehr nicht. klänge auch eher nach touristikprospekten, die einen »mediterranen flair« o.ä. vermitteln wollen, indem sie zwanghaft nach hochgestochenen, blumig-schillernden synonymen zur vermittlung der »atmo« ringen. aber ja, der klang ist vermutlich tatsächlich ausschlaggebend. wie du die landbusfahrer schilderst, haben sie sich anscheinend noch die gewisse authentizität und ursprünglichkeit bewahrt, insofern habe ich dein vergleich wohl fehlgedeutet, was übrigens nicht vorwurfsvoll gemeint war, nur die frage danach war, wieso sich gerade der handfeste, kernige, vielleicht sogar im positivsten sinne grobschlächtige, süßlich miefende busfahrer zur metapher eignet. passt zumindest insofern nicht, dass sich ein sprecher bei der benutzung von »mäandern« um eine ausgefeiltere präzision bemüht – und sich trotzdem in falscher sicherheit mit dem glauben wiegt, es sei ein hochpoetischer kunstgriff gelungen – als der busfahrer, der sich trotz des dilettantischen täuschungsversuches seine grundlegende gleichgültigkeit eingesteht, sich nichts darauf einbildet und ebenso lässig mit der leidensfähigkeit der nicht weniger zähen bäuerinnen rechnet, denen er sowieso nicht das wasser reichen kann.
molily,
17. April 2003 um 15:42:45 MESZ
Oder die Limo. Hm ja, hast schon recht, der Busfahrer, nennen wir ihn Bernd, ist nicht glücklich gewählt. Vielleicht ist es aber schon eher so, dass die Bäuerinnen sich schon beim ersten Hahnenschrei auf ihn freuen, sein verschwitztes Hemd. Dass die Bäuerinnen aufstehen und die Hühner füttern und denken: „Ach, die Schweißflecken, ach der Bernd!“ ...und dann an der Bushaltestelle stehen. Und warten und denken: „Ach, die Schweißflecken, ach der Bernd!“. Und wenn er dann mit seinem alten qualmenden Ikarus-Bus den Berg herunterkommt, dann tippeln die Bäuerinnen vielleicht unruhig hin und her und, ähm, eine der Bäuerinnen, nennen wir sie Gerda, hat im Laufe des Sommers mehr und mehr von ihrem Herzen an Bernd verloren, so dass sie ihn fast schon hasst, dass sie sich jeden Morgen sagt: „Ach, die blöden Schweißflecken von dem blöden Bernd!“ Vielleicht hat Bernds Bus zufälligerweise eine Panne, gerade als Gerda besonders schlecht auf ihn zu sprechen ist? Gerade als Gerda der einzige Fahrgast ist. Möglicherweise bleibt der Bus genau vor einer Gärtnerei stehen, in der Rosen gezüchtet werden. Und nach der Hochzeit ein dreiviertel Jahr später ziehen beide in die Stadt. In ein Viertel, in dem Schwitzflecken verpönt sind. Wo die Wohnungen alle gleich aussehen und über ein Bad, eine Küche, ein Schlafzimmer und eine sogenannte Stube verfügen. Einen Raum für die Wimpern, einen, mit Besteck zu klimpern, einen zum Pimpern, und einen, mit den Hintern auf Plüschsofas zu sitzen und aus dem Fenster zu gaffen. Vielleicht mäandern draußen Betrunkene die Straße runter... nee... zu traurig. Vielleicht so: Im Herbst nach der Eheschließung schenkt ihnen Gerdas Vater ein kleines Gehöft am Ortsrand von Klein-Heßlich, ein Gehöft, durch dessen Heuwiese ein kleiner Bach mäandert, in dem sich Forellen tummeln, woraufhin sich Bernd in das Kaderbüro der Busgesellschaft begibt und sagt: „Macht doch euern Scheiß alleene!“ Einen Tag später nimmt Bernd Gerda bei der Hand und tanzt mit ihr auf der Wiese Walzer, immer am Bach entlang. Und beide merken nicht, dass im Hintergrund die Äpfel ihrer Jugend ins herbsttrockene Gras fallen.... So, jetzt brauch ich Klopapier, die Taschentücher sind alle. es grüßt
luxus ox,
17. April 2003 um 19:46:11 MESZ
ist das auto-bio-graphisch?
Dicki,
18. April 2003 um 12:59:36 MESZ
Bis jetzt noch nicht. In der Zukunft eher unwahrscheinlich.
luxus ox,
18. April 2003 um 21:00:09 MESZ
So viele Worte für ein aufwendig benanntes Zick-Zack.
Kailoi,
23. April 2003 um 15:05:50 MESZ
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