Kompetenzteam
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gehassliebt (Das Web nach gehassliebt durchsuchen.)

Schon "Hassliebe" find ich schlimm. Der Begriff meint in aller Regel nicht die wirkliche gleichzeitige Anwesenheit von Liebe und Hass, die es durchaus geben mag, sondern stellt einen Euphemismus für Hass oder Liebe dar (letzteres wenn einem zum Beispiel peinlich ist den-/dasjenige zulieben). Als Partizip klingt es auch nocht scheußlich (Quelle).

phaeake, 4. Februar 2003 um 11:51:35 MEZ

Ich will nicht kategorisch ausschließen, dass es eine echte Überlagerung von Hass und Liebe gibt. Doch die dürfte etwa 1 Promill der Fälle zugrundeliegen, in denen das Wort verwendet wird. Auch beim klassischen "odi et amo ... " des unglücklich Verliebten (Catull) handelt es sich doch primär um Liebe, der Hass resultiert doch dadurch, dass die Angebetete sich verweigert. Würde sie ihn erhören, wäre alles in Butter. Da trifft es "einseitige, wütende Liebe" doch viel besser. Abhängigkeit, Schwäche, Ohnmacht führt m.E. äußerst selten zu einer echten Hassliebe, viel eher dazu, dass der Abhängige nicht die Kraft entfaltet, sich zu lösen, obwohl die Liebe schon vollständig in Hass umgeschlagen ist.

Zum Fernsehen: Wer das Fernsehen wirklich hasst, der guckt nicht. Wer behauptet, eine Hassliebe zum Fernsehen zu unterhalten, hält - so vermute ich - in der Regel das Medium für inferior, ist aber zu faul, sich anstrengenderen Medien zu widmen. Also ist es ein Euphemismus für "Hass auf das Fernsehen in Verbindung mit Selbsthass wegen Fernsehens", oder - eine Nummer kleiner - "Faulheit + schlechtes Gewissen."

Aber auch für das 1 Promill der Fälle, wo "Hassliebe" gerechfertigt ist: "gehassliebt" bleibt schwarz.

phaeake, 5. Februar 2003 um 10:37:44 MEZ

@molily Ich halte jeden Euphemismus für vielleicht nicht böse im Sinne einer moralischen Verwerflichkeit, aber für schlimm im Sinne des Kompetenzteams. Warum? Ein Euphemismus ist unehrlich, indem er das Schlimme weniger schlimm darstellt. Reicht das?

Wenn ein Euphemismus einmal eingeführt ist, dann bleibt er es m.E. unabhängig von der subjektiven Intention des jeweiligen Sprechers. Um ein relativ junges Beispiel aus dem Kompetenzteam zu bemühen: Mädchen-Beschneidung ist - so verstehe ich Irene und ich würde mich dem anschließen - ein Euphemismus für Genitalverstümmelung. Dennoch haben - insbesondere in Zeiten, in denen das Thema weniger behandelt wurde - viele den Ausdruck Mädchen-Beschneidung verwendet, ohne damit die Sache beschönigen zu wollen.

Im konkreten Fall des gehassliebten Mediums möchte ich mich nicht festlegen, ob der Autor die (evtl sogar seine) Ambivalenz im Umgang mit dem Fernseher bemänteln will, ob er Gehörtes nachplappert oder ob es ihm die partizipielle Verknappung angetan hat (halte ich für das wahrscheinlichste). Im ersten Fall wäre es ein genuiner Euphemismus , im 2. und 3. Fall bliebe es für mich ein Euphemismus.

phaeake, 5. Februar 2003 um 13:29:19 MEZ

@molily Deine kritische und kluge Analyse hat mir gezeigt, dass ich oben nicht besonders präzise formuliert habe (Einerseits: Wer das Fernsehen wirklich hasst, der guckt nicht. Andererseits: Hassliebe zum Fernsehen meint hier Hass auf das Fernsehen + Selbsthass). Was ich meinte, ist aber wohl rübergekommen: Die Ambivalenz des der Hassliebe Verfallenen wird sich allermeistens nicht damit erklären lassen, dass seine Seele von zwei gleich starken Extrema beherrscht wird, sondern mit seiner Trägheit, Lauheit, Laschheit in der Umsetzung von Erkenntnissen.

Ich glaube die entscheidende Differenz zwischen uns ist, ob man von einem Euphemismus nur dann sprechen will, wenn dem konkret Sprechenden und der konkreten Situation ein Beschönigungsversuch vorzuwerfen ist (so du), oder schon dann, wenn das Wort an sich beschönigend ist. Das ist eben eine Definitionsfrage, über die man schlecht streiten kann, weil es keine wahren oder falschen, sondern nur übliche oder unübliche Definitionen gibt. Für meine Definition glaube ich aber den Geist des Kompetenzteams anführen zu können: Denn das ist zuständig für schöne und schlimme Wörter. In Konsequenz Deiner Euphemismus-Definition läge es, nie Wörter, sondern immer nur den Sprecher schlimm zu finden. Dass ich dabei etwas "pauschal behaupte", liegt im Wesen jeder Definition.

phaeake, 6. Februar 2003 um 11:28:29 MEZ

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