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Quantensprung (für großer Sprung) (Das Web nach Quantensprung (für großer Sprung) durchsuchen.)

beste Möglichkeit, seine Unwissenheit unter Beweis zu stellen, denn der echte Quantensprung ist so klein, dass man ihn nicht in zwei Sprünge zerlegen könnte. Falsch verwendet ähnelt das "Quanten-" einem Allerwelts-Präfix wie Mega- Turbo- Super- (je nach Generation).

phaeake, 1. Juli 2002 um 20:25:34 MESZ

Nene, damit outet man sich nur als einer, der sich erfolgreich von einem Physik-Professor hat sozialisieren lassen. Ein Quantensprung ist nicht notwendigerweise ein großer Sprung im Alltagsgebrauch. Man benutzt ihn sinngemäß für ein bedeutsames Vorwärtskommen. Die Analogie liegt dabei nicht in der Größe, sondern in der Tatsache, dass die Entwicklung in einem Ruck ganz plötzlich geschieht, und nicht in vielen kleinen Schritten, wie Du bereits meintest.

kerlone, 1. Juli 2002 um 22:59:46 MESZ

Naja. Das Wesen des Quantensprungs liegt ja nicht nur darin, dass es in einem Ruck geschieht (das träfe für vieles zu z.B. eine Explosion), sondern dass es nur in EINEM Ruck geschehen KANN. Und insoweit hapert es bei den meisten Analogien. Z.B. ein neues Notebook, das mit "Der Quantensprung" beworben wird. Meinen die Werber wirklich, dass dies Notebook so wenig Innovationen hat, dass man keines konstruieren könnte, das schlechter als das beworbene, aber besser als das Vorgängermodell ist? Noch besser aber Helmut Kohl, der (ich glaube anlässlich des Neubaus des Leipziger Messegeländes) von "einem Stück Quantensprung" sprach.

phaeake, 2. Juli 2002 um 10:19:24 MESZ

Ok, das ist wieder etwas anders, das haben wir immer wieder in der Werbung, dass Begriffe für etwas verwendet werden, auf das sie nicht zutreffen. Das ist aber noch kein Argument gegen die alltäglich Verwendung des Wortes Quantensprung. Bei dem Laptop wäre es vermutlich auch übertrieben wenn man von einem Meilenstein reden würde.

Aber nehmen wir beispielsweise den Düsenantrieb im Vergleich zum Propellerantrieb. Das ist ein Quantensprung in der Luftfahrt. Plötzlich waren ganz andere Geschwindigkeiten, ganz andere Modelle möglich. Und es gibt nicht wirklich einen Zwischenschritt zwischen beiden Antriebsarten. Die Entwicklung vollzog sich nicht in kleinen Schritten wie etwa bei den Prozessoren, die immer schneller werden.

Ich habe schon Physiker getroffen, die waren da so stark engagiert, die haben glatt behauptet, in der Physik würde das Wort niemand verwenden. Was ich eigenhändig widerlegen konnte ...

kerlone, 2. Juli 2002 um 10:44:41 MESZ

@ Propeller-Düsenantrieb. M.E. kein Quantensprung. Zwischenformen zwischen Düse und Propeller sind nicht nur denkbar, sondern auch Realität. Die modernen Flugzeugen orientieren sich die Düsen wieder zum Propeller ZURÜCK. (Schau mal in eine Düse rein.) Dass man als erstes einen großenSchritt nach vorn und dann einen kleinen "zurück" gemacht hat, ändert nichts daran, dass Zwischeschritte MÖGLICH sind.

@Physiker: In welcher Hinsicht haben sich denn die Physiker engagiert, die meinten, dass niemand in der Physik diesen Begriff gebraucht? Denn dann könnte es ihnen ja eigentlich egal sein, wie ein UNphysikalischer Ausdruck in der Alltagssprache verwendet wird.

Kennst Du ein Beispiel, wo Quantensprung in der Alltagssprache verwendet wird und nicht "Qualitätssprung" gemeint ist?

phaeake, 2. Juli 2002 um 11:50:21 MESZ

Also, von mir aus sind sie möglich, die Zwischenschritte, aber sie sind in der Entwicklung nicht vorgekommen. Von der Zurückorientierung weiss ich nix, aber da kenn ich mich nicht aus. Propeller sind in jeder Turbine drin, alles andere ist ein Raketenantrieb. Aber das Prinzip ist ganz anders, mit den ganzen Druckverhältnissen, die ganz andere Dinge bezwecken etc.

Die Physiker haben sich engagiert und gesagt, die Leute laufen auf der Straße rum und labern Sachen aus der Physik nach, die sie nicht verstehen. Die haben eben darüber gelacht, dass man das Wort Quantensprung in der Physik gar nicht kenne, und es sei selbst sozusagen eine Erfindung des Pöbels.

Aber das macht doch nix. Wenn sich die Leute damit besser ausdrücken können, ist ein Wort hilfreich und etabliert sich. Künstliche Etablierung wie bei der Werbung finde ich dagegen auch nicht gut.

Die letzte Frage von Dir ist natürlich Unsinn, wenn Du eine Metapher verwendest, wirst Du nie das ursprüngliche Bezugsobjekt meinen können. Und sag jetzt bitte nicht, wir sollen nicht Quantensprung sagen, weil wir das Wort Qualitätssprung haben. So etwas ist Sprach-Rassismus. Aber das machen viele in Deutschland. Sprache ist ein lebendiges und offenes System. Entwicklung braucht Vielfalt.

Man sollte sich in solchen Debatten darauf konzentrieren, dass Begriffe ihre Sinnhaftigkeit behalten, auch wenn sie als Metapher angewendet werden. Klugmeierei, die darüber hinausgeht, finde ich überflüssig. What is understood doesn't need to be discussed, haben Van Halen mal gesagt.

Biologen machen übrigens das selbe z.B. mit dem Begriff Hirn und Gehirn, da hab ich auch schon Debatten hinter mir.

Ethnologen kriegen einen Koller, wenn man von Entwicklungsländern spricht. Pfff, dabei weiss einfach jeder was gemeint ist, auch wenn der Begriff aus einer veralteten Lehrmeinung stammt.

Neger darf man nicht mehr sagen, dann ist man Rassist. Als wie wenn es so einfach wäre.

Lateinamerika, hab ich neulich mal gelesen, darf nicht so heißen, weil es nichts mit Latein mehr zu tun hat. Ernsthaft, in einem wissenschaftlichen Aufsatz!

Also, wollen wir uns darauf einigen, dass man Quantensprung als Metapher verwenden darf, aber nur dort wo ein größerer Entwicklungsvorsprung stattfindet, der mit einem Mal kommt und nicht durch zahlreiche eigenständige Zwischenentwicklungen entstanden ist.

kerlone, 2. Juli 2002 um 23:40:40 MESZ

"What is understood doesn't need to be discussed." Diese Auffassung liegt aber diesem Forum - wenn ich es recht verstanden habe - nicht zugrunde. Es geht mir nicht um Sprachpurismus, sondern um Schönheit. Metaphorischen Sprachgebrauch schätze ich sehr. Wenn man aber einen quantitativ kleinstmöglichen Sprung (nämlich den Quantensprung im physikalischen Sinn) als Metapher für einen qualitativ besonders bedeutsamen Entwicklungssprung verwendet, finde ich das nicht gerade gelungen, und zwar auch dann nicht, wenn es andere mehr oder weniger gemeinsame Merkmale ("es geht mit einem Ruck vorwärts") geben mag. Klar darf jeder, der das anders sieht (und seine " Gelehrsamkeit" unter Beweis stellen möchte), diese Metapher verwenden.

Noch mal zu den Physikern in Deinem Bekanntenkreis: Die scheinen ja an einer für ihre Profession bemerkenswerten Logikschwäche zu leiden. Meinten sie nun, dass der Pöbel Begriffe aus der Physik nachlabert oder dort gar nicht existente Begriffe erfindet?

Zu Lateinamerika: Ist das Argument wirklich gewesen, dass der Kontinent mit Latein nichts mehr zu tun habe? Mit Latein hat er doch nur zu tun, weil dort romanische Sprachen gesprochen werden, und das ist doch nach wie vor der Fall. Ich dachte immer, das Agrument sei, dass man auf diese Weise den Namen des Landes nach seinen (ziemlich blutrünstigen) Eroberern wählt. Genauso, wie es schon vor Jahrzehnten schick (das Wort "politisch korrrekt" gabs noch nicht) war, die Provence "Okzitanien" zu nennen.

phaeake, 3. Juli 2002 um 11:37:14 MESZ

Die Physiker meinten, das Wort selbst sei aus dem Alltagsgebrauch und käme so in der Physik nicht vor. Zusätzlich kritisierten sie natürlich die falsche Verwendung, die hinter dem physikalischen Vorgang des falschen Wortes steht.

Mit dem lateinamerikanisch muss ich einen Rückschritt machen: Die Kritik war, dass der Begriff "lateinamerikanische Indianer" falsch ist, weil diese nichts mit Latein oder romanisch zu tun haben. Aber gut, dass ist derselbe Schwachsinn. Es sind eben die Indianer Lateinamerikas. Du kannst meinen Protest darüber hier nachlesen: mosaikum.org (linke Spalte, Eintrag 18.1.02)

Interessant übrigens: Der Name Amerika ist eigentlich - gemessen an der Größem die der Begriff bezeichnet - einer der größten Irrtümer bei der Benennung von Dingen.

Siehe auch: mosaikum.org Linke Spalte, 19.6.02

kerlone, 4. Juli 2002 um 12:49:50 MESZ

Danke. Sehr interessant. Da schreibst Du:

"Ich würde ohne viel Vorwissen übrigens unter Lateinamerika das romanisch-sprachige Amerika verstehen, während ich "indioamerikanisch" als Adjektiv für die Indianer Amerikas (und damit auch Nordamerikas) verwenden würde."

Wenn das romanisch-sprachige Amerika Lateinamerika ist, dann gehört dazu auch das geographische Mittelamerika, Mexiko, gute Teile der USA (wo spanisch oft 2. Amtssprache ist und in nicht wenigen Städten häufiger als Englisch gesprochen wird) sowie Quebeck. Das heißt Latein- und Nordamerika würden sich ganz gewaltig überschneiden. Ich glaube nicht, dass Du das wirklich so vertreten willst, sonst hättest du von den "Indianern auch des übrigen Nordamerikas" sprechen müssen. Ist das nicht ein ganz erhebliches pragmatisches Argument dafür, schlicht und einfach "Südamerika" zu sagen?

phaeake, 4. Juli 2002 um 15:25:01 MESZ

Ich seh schon, da will sich jemand streiten ;-)

Gegen Südamerika habe ich überhaupt nichts. Ich hab auch nichts gegen das Adjektiv indioamerikanisch. Ich hab auch nichts gegen das Wort Amerika. Aber hör doch mal auf, die Wörter immer so logisch definieren zu wollen. Ich geb Dir zwar recht, dass man Quebec logisch eigentlich zu Lateinamerika zählen müsste, aber es gibt hier nicht ernsthaft Missverständnisse, niemand zählt Quebec zu Lateinamerika.

Dann gehen wir doch gleich mal auf höchste philosophische Ebene: Was ist denn ein Baum? Was wir unter Baum verstehen, ist ein solche Menge von Dingen, dass man keine streng logische Definition dafür finden kann. Unser Geist kann abstrahieren, er kann sich einen Baum vorstellen. Aber dieser gedachte Baum wird nie mit einem wirklichen übereinstimmen. Und trotzdem können wir uns einen Baum vorstellen, einen Baum benennen und Übereinstimmung mit anderen finden. Ganz ohne Logik. Sprache ist eben kein logisches System.

kerlone, 4. Juli 2002 um 16:30:21 MESZ

Ich und streiten? Nie und nimmer, ich will nur alle von der Wahrheit überzeugen :-)

  1. Die Sprache ist ein logisches System. Ohne Sprache wüßten wir überhaupt nicht was Logik ist. Das schließst nicht aus, das es innerhalb der Sprache zu logischen Inkonsistenzen kommen kann. Aber dass die einem auffallen, oder doch zumindest namhaft gemacht werden können, zweigt doch, dass es grundsätzlich logisch zugeht.

  2. Es gibt nicht falsche oder richtige, logische oder unlogische, sondern nur zweckmäßige oder unzweckmäßige Definitionen.

  3. Nicht ich, sondern Du hast Lateinamerika so definiert, das weite Teile Nordamerikas darunter fallen. Wenn es nur Quebeck wäre, wäre das in der Tat vernachlässigbar. Aber gerade für Mittelamerika und Mexiko bestehen nicht so klare Vorstellungen, so dass ich Deine Definition unzweckmäßig finde.

  4. Ein Baum ist eine Pflanze mit einem Stamm aus Holz. Ist mal so eine Arbeitsdefinition, die so lange gilt, bis Du etwas findet, das die Definition erfüllt und das ich nicht als Baum bezeichnen würde.

phaeake, 4. Juli 2002 um 16:50:32 MESZ

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